Am bis ins Detail choreografierten Tanz von Mercedes Sebald Arguisuelas und Enrique Sánchez
konnten sich die Zuschauer kaum satt sehen
Einen kulturellen spanischen Leckerbissen konnte die Kulturscheune Schnaittach ihren wieder sehr zahlreich erschienenen
Gästen servieren. „El Grupo Fiesta Andaluza“ bescherte eine unverfälschte und mitreißende Flamencovorstellung.
In einer über tausend jährigen Geschichte Spaniens verschmolzen in Andalusien arabische, türkische, maurische
und jüdische Kulturen. Im 19. Jahrhundert interpretierten immigrierte Zigeuner die bereits vorhandene Tanz- und
Gesangsform und kreierten den authentischen Flamenco, der so nur in Andalusien vorzufinden ist.
Flamenco besteht traditionell aus Gesang (Cante), Tanz (Baile), dem Rhythmus (Compás) im 12-erTakt, besonders
hervorgehoben durch das Händeklatschen (Palmas), und schließlich der Gitarre (Toque). Der Gesang bildet die Grundlage
all dessen, was Flamenco darstellt und ist für Mitteleuropäer äußerst schwierig zu verstehen. Er ist oft sehr laut,
die Stimme fast heiser und manchmal sogar etwas eintönig. Viele Texte sind überliefert und wenig verändert. Themen
sind oft der Verlust, die erreichte oder die unerreichte Liebe, die Freude, das Leid und die Ungerechtigkeit.
Das erste Stück des Abends, „Tangos“, hinreißend getanzt von Mercedes Sebald-Arguisuelas und Enrique Sánchez,
getragen vom eindringlichen Gesang des Sängers Chiquilin de Córdoba und vom ausdrucksstarken Gitarrenspiel von Roberto
Collomb. Und schon hier wird klar: das alles ist Kunst. Am auffälligsten ist natürlich die Körperhaltung der Tänzer
– Flamenco ist Spannung bis in die Fingerspitzen. Stolz ist der Kopf gehalten, geschmeidig gebogen und doch stahlhart
der Rücken, die Arme bewegen sich rund, die Hände rotieren mit elegant abgespreizten Fingern um das Handgelenk.
Die Füße unterscheiden zwischen Fußballen, Zehenspitzen und Hacken, stampfen mit der ganzen Fläche rasend schnell
(und laut) oder schleifen nur elegant über den Boden. Es erfordert sicherlich sehr große Konzentration, alle Glieder
zu den komplizierten Rhythmen so schnell zu bewegen. Dieses Paar, Mercedes und Enrique, tanzte gleichermaßen souverän,
ausdrucksstark und in blinder Harmonie. Das Programm des Abends war sehr abwechslungsreich; einmal tanzten Mercedes
und Enrique zusammen, dann jeder solo, und dann wieder begeisterte Roberto Collomb nur mit seiner Flamenco-Gitarre.
Der berühmte Flamenco-Sänger Chiquilin de Córdoba ist der Patrón der „Grupo“. Bei Flamenco bestimmt der Sänger
traditionell, ob getanzt und/oder Gitarre gespielt werden „darf“. Vor einem Solo des Tänzers Enrique fiel diese
„Rangordnung“ ganz besonders auf: Enrique tanzte zur leiseren Gitarrenmusik leicht, mit weniger Bewegung, vor Chiquilin
de Córdoba. Erst auf dessen Zuruf, fast wie auf ein Kommando, tanzte er den herausragenden Flamenco „Alegrias“ in
seiner ganz ursprünglichen Fassung, begleitet vom Gitarristen Roberto und dem Rhythmus des ungewöhnlichen 12er Taktes
der klatschenden Hände von Chiquilin und Mercedes. Die Gäste der Kulturscheune waren hingerissen von dieser Vorstellung.
Chiquilin de Córdoba ist ein erfahrener andalusischer Sänger und hat sich durch seinen unverwechselbaren, ausdruckstarken
Gesang einen ganz besonderen Namen gemacht. Unter den berühmten Flamencokünstlern gilt er als einer der ersten Adressen.
Mercedes Sebald Arguisuelas tanzt mit großer Eleganz und absoluter Präzision
Die gebürtige Spanierin Mercedes Sebald Arguisuelas aus Valencia verbrachte ihre Jugend zwischen der spanischen
und deutschen Kultur. Mit großer Eleganz und absoluter Präzision tanzt sie die strengen, beschwingten und kompliziert-filigranen
Bewegungen und beherrscht die präzise Fußtechnik des Flamenco. In der Kulturscheune zeigte sie als Solotänzerin
und zusammen mit Enrique Sánchez – teilweise sehr ernst, dann wieder fröhlich und verliebt – ihr Können und überzeugte
die Gäste durch ihre Vielseitigkeit. Mercedes wohnt und arbeitet als Dozentin für spanische Sprache und Folklore
in Würzburg.
Enrique Sánchez, der junge Mann aus Málaga, entspricht dem Prototyp des männlichen Flamencotänzers: seine Explosivität
und rhythmische Gewalt reißen das Publikum mit. Renommierte Lehrer wie Paco Mora oder der weltbekannte Mario Maya
prägten seine Ausdrucksstärke und seine kraftvolle, präzise Fußtechnik. Seit einigen Jahren leitet er seine eigene
Flamencoschule in Speyer und gilt als einer der gefragtesten Tänzer in der süddeutschen Flamencoszene.
Der Flamenco-Gitarrist Roberto Collomb verzauberte die Gäste geradezu mit seinen Solostücken. Er hatte zudem
den anstrengendsten Part des Abends. Während Mercedes oder Enrique beim Solo des anderen immer wieder eine kurze
Pause einlegen konnten und Chiquilin nicht sang, war Roberto virtuos den ganzen Abend mit seiner ausdrucksvollen
Gitarre „dabei“. Die Zuhörer beklatschten ihn frenetisch. Roberto wurde von dem berühmten Gitarristen Rodrigo Munoz
in Madrid ausgebildet und arbeitete schon mit der bekannten Tänzerin Carmen de Torres in Sevilla. Er lebt in Würzburg
und bildet sich immer noch weiter bei „Morito“, dem Gitarristen des bekannten Tablao Los Gallos in Sevilla.
Die vielen Gäste der Kulturscheune genossen sichtlich das andalusische Fest und erklatschten sich noch einige
hinreißende Zugaben. „El Grupo Fiesta Andaluza“ war von den begeisterten Gästen der Kulturscheune ebenso angetan,
und alle freuen sich schon auf ein Wiedersehen in Schnaittach.